Die Kilometer sind nicht wichtig. Draußen sein ist wichtig.
Der Schnappschuss hat einen Moment eingefangen, der spürbar mehr ist als nur dieser Moment. Ein Stück Leben eingerahmt in ein Bild. Es geht um eine Frau, die schon immer lieber draußen war als drinnen. Heute wie damals mit Anfang 20. Genau. Die junge Frau ist Heidi Meißner, und hier ist das Porträt.

Heidi war schon immer Heidi. Nicht Adelheid, nicht Heidemarie – einfach Heidi. Geboren 1954 im ländlichen Esborn in Wetter. Nah an der Natur. Papa und Mama lassen das Kind draußen spielen. Der Onkel ist Pferdezüchter. „Ich bin praktisch draußen aufgewachsen.“
Als Teenager reitet sie viel und ausdauernd. Und sie reitet nicht nur einfach so herum, wie man das als Pferdeliebhaber in unserer Gegend wohl oder übel eben tut. Sie reitet die Pferde zum Decken und dann wieder zurück – durchs Felder und Wiesen. Sie reitet Pferde so, wie sich das in einer Züchterei ergibt: mal aus Spaß, mal wegen irgendwelcher Erfordernisse des Zuchtbetriebes. Deswegen sitzt sie auf dem Foto auch so selbstverständlich auf dem Pferd, als würde sie da ganz natürlich hingehören.
Schnitt, Zeitsprung
Heidi ist die in ihrer grünen Tupperschüssel. Zarte Gestalt, aber zäh, bald 72 Jahre alt. Und in Gesellschaft immer am Plappern (sag ich). Stimmt doch gar nicht (sagt sie). Immer draußen. Sie kommt mit dem Fahrrad aus Herdecke, holt ihr Boot aus dem Schuppen und kajakt den Hengsteysee entlang. Sie paddelt so, wie ein Dieselmotor läuft, wenn er warm ist: Immer schön gleichmäßig, immer weiter. Weil es auch etwas Meditatives hat. Man lebt beim Paddeln sehr in der Gegenwart, und wenn man immer weiterpaddelt, kann man die Gegenwart so weit ausdehnen, dass sie nach hinten gesehen zur Vergangenheit wird und nach vorne die Zukunft berührt. Sie kajakt durch die Geographie Europas. Wieviele Kilometer sind es bis jetzt geworden? Ach Gott. Das Kilometerzählen… ist das denn so wichtig? Das Wichtige ist doch etwas anderes: Das Ungebunden sein. Entscheiden, ob man irgendwo einen Tag oder zwei oder drei bleibt, und dann weiterfahren. Sie wandert auch gerne zu Fuß oder mit dem Rad. Egal wie: Hauptsache, viel draußen. „Ich fühle mich draußen am wohlsten. Seit meiner Pensionierung bin ich nur noch draußen.“

Und vorher war sie auch schon viel draußen. Von 13 Jahren an bis 26 ist sie viel geritten. In der Studienzeit: Reiten und Rudern. Auf Fehmarn hat sie einen Segelschein und einen Surfschein gemacht. Das ist auch ein Erbe ihrer Eltern, denn die liebten das Meer.
Das Reiten hat in ihrer Studienzeit aufgehört. Weil ein Pferd kein Sportgerät ist, sondern ein Lebewesen mit Bedürfnissen; man muss jeden Tag da sein, und sich um das Tier kümmern. „Das ging irgendwann nicht mehr“, sagt sie. Studium und Beruf brauchen halt auch ihre Zeit. Sie wurde Lehrerin und unterrichtete Mathe und Erdkunde. Aber ein Kajak, das ging. Sie ist zu Sport Schröer gefahren, hat ein leichtes GFK-Diolen-Kajak gekauft, hat das Boot ihren Eltern gezeigt und es dann in die Ruhr eingesetzt. Dort hat sie die Leute der Wittener Kanugemeinschaft kennengelernt. Zu der Zeit ist sie viel gefahren, hat auch drei Jahre ein Fahrtenbuch geführt, und dann keine Lust mehr gehabt – also auf das Fahrtenbuch. Auf das Kajakfahren schon.
Heidi trug eine länger andauernde Begeisterung für Kanada mit sich herum, und als sie das erste mal eine Kanutour in Schweden gemacht hat, da dachte sie „das ist ja Kanada in klein.“ Es folgten etliche Touren in Schweden und Norwegen. In Dänemark, in Irland, auf Island, und ganz viel in Frankreich; da waren es unter anderem „die allen Kanuten bekannten Flüsse wie Ardeche, Tan, Dordogne, die Loire und auch weniger prominente Flüsse.“ Meistens schön, manchmal ziemlich anstrengend.

In dieser ganzen Zeit von 1992 bis 2021 hat sie ihre Touren nicht in ein Fahrtenbuch eingetragen. Die Fahrt war das Ziel, nicht die Bilanz. Auch wenn die Fahrt schon mal zermürbend sein konnte: „Ich hatte mal eine Fahrt, da hat es vier Tage nur geregnet. Am dritten Tag waren alle Brocken nass.“ Aber es gibt dann die anderen Momente: Wenn man die Natur genießen kann, sich mal auf eine Kiesbank legen kann, oder einfach schwimmen geht.
Dann gibt es noch einen Punkt, über den sie nicht gerne redet: 20 Jahre hat sie mit ihrem Lebensgefährten Ralf Touren gemacht. Dann kam die Coronazeit. Nach Corona wurde er schwer krank.
Sie wollten noch so viele Touren machen, und dann war sie alleine.
Im KCH hat sie sich zu den Winterpaddlern gesellt. Kommt nach wie vor mit dem Fahrrad, paddelt Kilometer um Kilometer, und wenn sonst keiner kommt, dann kommt Heidi und paddelt auch alleine.
Und auf wieviel Kilometer kommt man nun, wenn man das so über Jahrzehnte macht, frage ich. Noch einmal. Antwort: Ach, so einmal um den Globus oder mehr.

Das wird wohl hinkommen. Seit 2022 ist Heidi beim KCH. Bei uns hat sie wieder angefangen, Fahrten zu dokumentieren. Und da sind alleine 10 000 Kilometer zusammengekommen. Der Globus hat rund 40 000 Kilometer. Aber wie gesagt, das ist nicht wichtig.
Wichtig sind ihr Geborgenheit und Freiheit. Wobei: „Freiheit ist nicht, tun zu können was man will, sondern nicht das tun zu müssen, was man nicht will.“ Die Geborgenheit ist mit ihrem Ralf weggebrochen. Die Freiheit ist geblieben.
Und das draußen sein. Das gilt für die junge Frau auf dem Pferd genauso, wie für die 72-Jährige in ihrem Boot.
(Ralf Schaepe)



